griin Test: Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive [Video]

10 03 2013 | Christian Sauer | Kategorie: Serienreifes | 2 Kommentare

griin.de präsentiert den Mercedes Benz AMG SLS ED in Castellet 2013

griin Autor und Testfahrer Christian Sauer hatte die exklusive Möglichkeit, den Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive zu testen – und zwar auf einer Rennstrecke.

Blau oder grün? Die Frage scheint in diesem Moment ebenso dringend wie unwichtig zu sein. Wir sind nach Südfrankreich – genauer gesagt nach Le Castellet in die Nähe von Marseille – gereist und stehen nun in der Boxengasse der Rennstrecke „Circuit Paul Ricard“. Hier haben wir das besondere Vergnügen, den neuen Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive / SLS AMG ED zu testen – und nun die Qual der Wahl zwischen einem SLS mit gelb-grünem Mattlack (AMG Electricbeam magno) oder einem in Hochglanz-Blau. Im gleichen Grün-Ton waren seinerzeit bereits die bisherigen Prototypen des, damals noch SLS AMG E-Cell genannten, Supersportwagens mit rein elektrischem Antrieb lackiert. Parallel zur Präsentation des konventionell von einem V8-Verbrennungsmotor angetriebenen SLS AMG auf der IAA 2009 lief bereits das ebenso aufwendige wie vielversprechende Projekt der Elektrifizierung. Die stetigen Fortschritte bei der Entwicklung dokumentierten in der Folgezeit immer wieder neue Evolutionsstufen und einzelne Technik-Exponate auf den großen Messen weltweit. All das erfüllte seinen Zweck: die Neugier und Vorfreunde auf den E-Supersportler stetig weiter zu steigern.

Christian Sauer im Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

[griin-Autor Christian Sauer im Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive; Foto: Teymur Madjderey – icedsoul.de]

Nun ist es endlich soweit, das Warten hat ein Ende. Doch für welchen von beiden entscheiden wir uns nun, blau oder grün? Wahrscheinlich wird es Zeit, Abstand zu nehmen von alten, womöglich gar veralteten Paradigmen wie „nachhaltig gleich öko und öko gleich grün“. Deshalb greifen wir zum Schlüssel des blauen Testwagens. Schritt für Schritt, Meter für Meter, den wir uns dem SLS AMG Electric Drive nähern, steigt die Spannung – man könnte, passend zum Thema Elektromobilität, sagen: Wir sind auf Hochspannung. Das Design samt der Farbwahl ist natürlich eine Frage des Geschmacks, aber dieses subjektive Urteil erlauben wir uns: „Der Wagen sieht verdammt sexy und geil aus!“

Unter der äußerst attraktiven Hülle steckt ein aus ebenso hochfestem wie ultra-leichtem Carbon hergestelltes Rückgrat in Form eines Monocoque. Dabei nutzte man bei Mercedes-AMG erneut das jahrzehntelange Know-how aus dem Motorsport. Mit Leichtigkeit lassen sich auch die markanten Flügeltüren im Stil des legendären Mercedes 300 SL aus den 1950er Jahren öffnen – wenn man einmal weiß, wie es geht. Im geschlossenen Zustand geben sich nämlich keinerlei Griffe oder Knöpfe zu erkennen. Diese klappen erst heraus, sobald der Wagen per Fernbedienung entriegelt wird. Wer diese Hürde überwunden hat, kann nun in die nur 1,26 m flache Flunder hineingleiten. Zur auf den ersten Blick komplizierten, aber für Sportwagen typischen Prozedur kommt beim SLS noch ein anderer Aspekt. Wir empfehlen, das Kopfeinziehen nicht zu vergessen, aber mindestens einmal macht jeder unfreiwillig Bekanntschaft mit der Flügeltür – spätestens beim Aussteigen.

Aber daran verschwenden wir jetzt keinen Gedanken, schließlich haben wir es uns erstmal in den Schalensitzen bequem gemacht. Die sind sportlich dünn gepolstert und nur bedingt für längere Strecken geeignet, versprechen dafür aber auch viel Seitenhalt, den wir gleich, in schnellen Kurven gut gebrauchen werden. Gefühlt liegen zwischen unserem Allerwertesten und dem Asphalt nur wenige Zentimeter, was Sport- und Rennfahrer zu schätzen wissen, schließlich gibt das berühmte „Popometer“ wertvolle Auskunft über Streckenbeschaffenheit und Verhalten des Fahrzeuges im Grenzbereich. Diesen wollen wir mit dem SLS ausloten oder uns zumindest herantasten. Bevor wir uns anschnallen, ziehen wir die Flügeltüren nach unten, denn ansonsten bleiben sie trotz durchschnittlicher Körpergröße unerreicht. Das hätten wir also auch geschafft, nun kann es endlich losgehen.

griin.de Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

Ein Blick auf die Bedienelemente lässt an der Herkunft des SLS aus dem Hause Mercedes-Benz keinen Zweifel: Klimaanlage, Licht, Scheibenwischer – alles ist da, wo und wie wir es kennen. Wer schon einmal in einem „normalen“ SLS gesessen hat – zugegeben sicher nicht viele Otto Normalfahrer – muss zweimal hinschauen, um in diesem exklusiven Mikrokosmos aus Leder, Alcantara und Carbon die Besonderheiten des Elektro-Modells zu erkennen. In der Mittelkonsole werden wir fündig, hier gesellt sich neben dem kleinen Wählhebel für das Getriebe, dem Start-Knopf und weiteren Schaltern zur Einstellung der Fahrdynamik noch ein Schalter für AMG Torque Dynamics, die intelligente Verteilung der Antriebsmomente dazu. Wozu das?

griin.de Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

Der SLS AMG Electric Drive besitzt nicht nur einen Elektromotor, sondern einen an jedem Rad. Dadurch profitiert der Supersportwagen nicht nur von den Vorteilen eines klassischen Allradantriebes, sondern zusätzlich auch von der individuellen Ansteuerung der E-Motoren, was völlig neue Freiheiten eröffnet. Klingt kompliziert und ist es technisch auch, aber vereinfacht lässt es sich so erklären: Die kombinierte Leistung von 552 kW / 751 PS und das enorme Drehmoment von insgesamt 1.000 Nm verteilt die Fahrzeugelektronik immer bedarfsbedingt an das Rad oder die Räder, die am meisten Traktion haben. Davon profitieren Fahrdynamik, Fahrverhalten, Fahrsicherheit und Fahrkomfort. Mit dem erwähnten Knopf lässt sich das System individuell konfigurieren. Auf dem, inzwischen fast als klein zu bezeichnenden, Farb-Display oberhalb der Mittelkonsole werden diese Einstellungen ebenso angezeigt wie die jeweiligen Fahrzustände. Die Liste der Anzeigen ist fast unendlich und beinhaltet beispielsweise die Quer- und Längsbeschleunigungen kombiniert Gaspedalstellung und Lenkwinkel in Echtzeit, Rundenzeiten auf Rennstrecken, Beschleunigungswerte, Messung der Bremswege, aber auch ein Histogramm des Energieverbrauchs. Viele dieser Daten sind für spätere Analysen speicherbar.

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Außerdem werden auf dem Bildschirm des Multimediasystems die Temperaturen der Motoren und Batterie, deren Ladezustand und die daraus resultierende Reichweite visualisiert. Letztere soll bei rund 250 km liegen – was wir hier auf der Rennstrecke allerdings nicht testen können. Zwar verbrauchen Elektromobile beim starken Beschleunigen relativ wenig Energie verglichen mit Benzinern, aber dennoch gehen die Runden hier auf abgesperrtem Terrain stark an die Substanz der Lithium-Ionen Hochvoltbatterie. Diese besteht aus 864 einzelnen Zellen, flüssigkeitsgekühlt, und verfügt über einen Energiegehalt von 60 Kilowattstunden. Bei deren Entwicklung und Produktion profitiert Mercedes vom in der Formel 1 mit den KERS-Systemen gewonnenen Know-how. Mit entsprechender Schnellladevorrichtung soll die Batterie in drei Stunden vollständig geladen sein, an normalen Steckdosen vergehen unterdessen schon mal 20 Stunden.

griin-Autor Christian Sauer im Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

Wie bei anderen E-Autos üblich, wird über die Rekuperation beim Bremsen und Gaswegnehmen ebenfalls Energie zu(rück)geführt – beim SLS natürlich auf anderem Niveau als bei einem Kleinwagen. Der Electric Drive rekuperiert so stark, dass es im öffentlichen Straßenverkehr oft ausreichen wird, den Fuß vom Gas zu nehmen, um zu bremsen. Bei sportlicher Fahrweise kommen dann aber die Keramik-Hochleistungs-Verbundbremsen im XXL-Format zum Einsatz, um den Wagen mit seiner elektronisch auf 250 km/h begrenzten Höchstgeschwindigkeit zu verzögern. Nicht, dass die auf Rundstrecken erprobten und bewährten Stopper damit ein Problem hätten, aber beim SLS AMG Electric Drive haben sie es mit rund 2,1 Tonnen zu tun. Das ist in der Riege der Supersportwagen alles andere als ein Bestwert und auf die, trotz bemerkenswerten Fortschritten, immer noch recht schwere Batterie zurückzuführen. Zum Vergleich: Die benzingetriebenen SLS-Versionen wiegen bis zu 600 kg weniger. Ihre Achtzylinder-Motoren leisten zwischen 571 und 631 PS im ebenfalls neuen SLS AMG Black Series. Bei ihm, der vom Motorsport-Pendant SLS AMG GT3 abgeleiteten Variante mit Heckantrieb, sind unbegrenzte 315 km/h Höchstgeschwindigkeit drin. Das verwundert nicht, denn oben heraus sind Elektro-Sportler konzeptbedingt im Nachteil, bei der Beschleunigung aber dafür wieder im Vorteil. Das wollen wir selbst erleben und rollen vorsichtig zum Ende der Boxengasse.

griin.de Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

Den Drehschalter zur Einstellung des Fahrprogramms belassen wir vorerst auf „C“, was für „Comfort“ steht und für den Alltag gedacht ist – wie auch immer der in so einem Fahrzeug aussieht. Die Strecke ist frei … 3, 2, 1 … Vollgas! Nach einer minimalen Verzögerung legt der SLS los und drückt uns vehement in die Sitze. Schneller, als wir unseren Blick auf die Instrumente lenken können, ist die magische Marke von 100 km/h passiert. Offiziell werden 3,9 Sekunden für den Standardsprint angegeben, und das glauben wir gern, auch ohne selbst die Zeit zu stoppen. Diese Beschleunigungsorgie ist sehr beeindruckend und im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubend. Dennoch kommen wir um zwei Vergleiche nicht herum: Der bereits erwähnte SLS Black Series mit lautstarkem V8-Benziner ist mit 3,6 Sekunden sogar noch etwas schneller, und auch der inzwischen nicht mehr gebaute Tesla Roadster, den wir für griin.de ebenfalls schon getestet haben, war mit 3,7 Sekunden auf 60 Meilen (97 km/h) kaum langsamer.

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Was macht den SLS AMG Electric Drive also aus? Auf dem kleinen Kurs des Circuit Paul Ricard mit seinen engen Kurvenradien und zusätzlichem Slalomteil liefert er den Beweis, dass er mehr als nur sehr schnell geradeaus kann. Das aufwendig konstruierte Fahrwerk mit Pushrod-Technik aus dem Motorsport in Verbindung mit dem intelligenten Allradantrieb verwandeln den SLS zum Kurvenräuber. Sehr neutral und gutmütig durcheilt er Kurven und selbst Spitzkehren mit hoher Geschwindigkeit. Für erfahrende Piloten bieten sich der Sport- und Sport-plus-Modus an, in denen die Gasannahme noch spontaner und das Fahrverhalten noch dynamischer wird. Es sind feine Nuancen, die den Fahrstil in einem so starken Elektro-Sportwagen von dem im Benziner unterschneiden, aber sie sind spürbar. Vor allem das sofort anliegende Drehmoment will richtig eingesetzt werden, um den vollen Schub aus den Kurven heraus zu nutzen. Runde um Runde werden wir schneller. Doch den Grenzbereich des SLS streifen wir höchstens – er bleibt stets gut kontrollierbar.

griin.de Mercedes-Benz SLS AMG Electric Drive

Typisch Mercedes-Benz, haben die Ingenieure alles Mögliche unternommen, um auch diesen ganz besonderen Stern im Automobil-Universum sicher zu machen. Ein besonderer Fokus lag darauf, die Batterie und andere Bauteile – teils unter Hochspannung stehend – zum Schutz im Falle eines Crashs von vornherein in die Struktur des Wagens zu integrieren. Hoffen wir mal, dass es nie soweit kommt. Schon kleinere Ausrutscher wären bei einem Kaufpreis von 416.500 Euro ein wirtschaftliches Desaster. Deshalb lassen wir die letzten Runden langsamer angehen. Nachdem wir den Reifen und Bremsen etwas Abkühlung gegönnt haben, parken wir „unseren“ SLS wieder unbeschädigt in der Boxengasse. Statt wie üblich für genügend Nachschub an fossilen Treibstoffen zu sorgen, müssen sich spätere Eigentümer wohl erst noch umstellen und an die Stromtankstelle denken. Auch die Klangkulisse bleibt gewöhnungsbedürftig: Zwar hat Mercedes-AMG eigenen Angaben nach durch aufwändige Versuchsreihen und Entwicklungsfahrten mit dem „SLS eSound“ ein „exklusives Soundbild komponiert, das der außergewöhnlichen Dynamik dieses einzigartigen Supersportwagens mit Elektroantrieb gerecht wird“. Doch ob zahlungskräftige Interessenten auf die bekannte Soundkulisse von V8- und V12-Hubraumriesen verzichten wollen, bleibt fraglich.

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Die Zielgruppe ist bei der Anschaffungssumme von fast einer halben Million Euro von Natur aus überschaubar und wählerisch. Vielleicht ist der SLS AMG Electric gerade deshalb das richtige Auto zur richtigen Zeit. Sprit-fressende Hochleistungssportler werden sich zwangsläufig zu Relikten aus grauer Vorzeit entwickeln, auch wenn die Entwicklung dort langsamer voranschreitet als am anderen Ende der Skala, bei Kleinwagen. Hybrid-Lösungen wie bei den neuen LaFerrari, McLaren P1 oder Porsche 918 werden wahrscheinlich nur Zwischenstationen auf dem Weg zu weiteren rein elektrisch angetriebenen Sportwagen sein. Somit ist Mercedes-Benz der Konkurrenz mit dem SLS ED einen Schritt  voraus. Dieser ganz besondere Flügeltürer tut der deutschen Premium-Marke gut. Auch wenn die Stückzahlen verschwindend gering bleiben werden, haben die Schwaben damit innovative Entwicklungen aus ihrem teuren Motorsport-Engagement genutzt und auf die Straße gebracht. Wir hoffen, dass von diesem Technologie-Transfer zukünftig nicht nur Millionäre mit ökologischem Gewissen profitieren, sondern auch die erschwinglicheren Volumenmodelle mit dem Stern.


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