Wie stark ist die Umweltverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe? Erster Teil: griin nimmt die Kritik des NABU unter die Lupe.

26 06 2013 | Christian Sauer | Kategorie: Entwicklungen | 2 Kommentare

Kreuzfahrten griin.de

[Ein Schiff von AIDA Cruises; Foto: NABU]

Jeden Tag sind über 500.000 Menschen weltweit an Bord von Kreuzfahrtschiffen unterwegs und verbringen ihren Urlaub auf dem Wasser. Wie nachhaltig ist diese besondere Form der Mobilität und Fortbewegung? Kreuzfahrt-Reedereien wie AIDA Cruises oder TUI Cruises stehen in der Kritik, die Atmosphäre mehr zu verschmutzen als Millionen Autos zusammen und nicht alles Mögliche für den Umweltschutz zu tun. Wir von griin beschäftigen uns heute mit den Vorwürfen vom Naturschutzbund (NABU).

Unübersehbar strahlen die meist weiß lackierten Ozeanriesen in diesen Wochen wieder in vielen Hafenstädten an den Küsten Deutschlands, Skandinaviens und des Mittelmeeres. Es ist Hauptsaison, und während sich im Winter die inzwischen mehr als 500 Kreuzfahrtschiffe auf wärmere Gefilde beispielsweise in der Karibik und Asien verteilen, versammelt sich ein Großteil der Vergnügungs-Flotte von Frühjahr bis Herbst in Europa. Kein anderes Segment im Tourismus hat in den letzten Jahren derart geboomt wie die Kreuzfahrten auf Flüssen und vor allem auf hoher See. Michael Thamm, Sprecher der Branche in Deutschland und CEO der Costa Gruppe: „Die Zahl der deutschen Kreuzfahrturlauber ist von 705.000 im Jahr 2006 auf rund 1,4 Millionen Passagiere in 2011 gewachsen. Und die Branche hat ihr Potenzial damit noch lange nicht ausgeschöpft.“

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[Gegenspieler: (v.l.) Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim Naturschutzbund Deutschland e.V., und Michael Thamm, Sprecher der Branche in Deutschland und CEO der Costa Gruppe, wozu auch AIDA Cruises gehört; Fotos: NABU, AIDA Cruises]

Inzwischen verbringen mehr als 20 Millionen Menschen weltweit ihren Urlaub auf dem Wasser. Während es in den Anfangszeiten Ende des 19. Jahrhunderts darum ging, die Linienschiffe der Atlantikrouten auch im Winter halbwegs lukrativ einzusetzen und den „oberen Zehntausend“ einen exklusiven Zeitvertreib anzubieten, haben sich die Kreuzfahrten inzwischen zu einem Milliardengeschäft für die Masse entwickelt. Durch das steigende Angebot und die höheren Passagierzahlen an Bord sind Kreuzfahrten für viele Interessenten erschwinglich geworden – teilweise sind einwöchige Reisen samt Vollverpflegung in der Nebensaison für unter 500 Euro zu bekommen. Weiterhin gibt es aber auch Reisen für mehrere Zehntausend Euro auf Schiffen wie der Queen Mary (Cunard Line), MS Europa (Hapag Lloyd) oder der MS Deutschland (Deilmann Reederei). Doch anders als in der ZDF-Erfolgsserie „Traumschiff“ geht es vor allem auf den großen „Fun Ships“ deutlich legerer zu.

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[Die “Oasis of the Seas” und ihr Schwesterschiff “Allure of the Seas” sind die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt und sog. Fun Ships; Foto: Royal Caribbean International]

Teilweise sind die angelaufenen Ziele weniger der Grund der Reise als die Schiffe mit ihren Freizeitmöglichkeiten an sich. Das beweisen die beiden größten Kreuzfahrtgiganten, die “Oasis of the Seas” und ihr Schwesterschiff, die “Allure of the Seas” der US-amerikanischen Reederei Royal Caribbean International. Superlative gibt es jede Menge: Mit 360 m Länge und 60 m Breite sind sie fast 100 m länger und fast doppelt so breit wie die legendäre Titanic. Über 2.000 Mitarbeiter kümmern sich an Bord um mehr als 6.000 Passagiere auf 16 Decks allein für diese. Es gibt Kabinen, die sich über zwei Decks erstrecken, Hunderte Balkons mit Meerblick und in das Innere des Schiffs, wo im „Central Park“ über 10.000 Pflanzen und meterhohe Bäumen eingepflanzt wurden. Diverse Restaurants und Fast-Food-Filialen stehen den Passagieren ebenso zur Verfügung wie Pools mit Surf-Simulatoren, ganze Sportplätze oder gar eine Eislaufbahn. Nichts scheint unmöglich. Soweit die faszinierende, schöne Seite – aber es gibt auch eine andere.

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[Der „Central Park“ an Bord der “Oasis of the Seas”; Fotos: Royal Caribbean International]

Um beim Beispiel “Oasis of the Seas” zu bleiben: Dort werden täglich etwa 2.100 m³ Frischwasser benötigt, das nur zum Teil aus Meerwasser oder Abwasser gewonnen werden kann. Außerdem sorgen jeweils drei Zwölf- und Sechzehnzylindermotoren nicht nur für Vortrieb mit maximal 22,5 Knoten (42 km/h), sondern erzeugen auch Energie. Die Generatorleistung von 88.200 kW (119.919 PS) zeigt, dass der Strombedarf dem einer kleinen bis mittleren Stadt an Land entspricht. Einige Reedereien setzen zumindest auf ihren neuesten Schiffen sparsame LED-Leuchten statt veraltete Glühlampen ein, und moderne Motoren verbrauchen weniger Treibstoff. Auch durch strömungsoptimierte Rümpfe mit speziellen Anstrichen sollen Verbrauch und Schadstoffausstoß verringert werden. Natürlich sind dies ebenso wichtige Aufgaben für die Frachtschifffahrt, dennoch haben sie bei Kreuzfahren eine besondere Brisanz.

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[Expeditionsschiffe wie die MS Bremen von Hapag-Lloyd kreuzen auch in den exotischen Regionen der Welt mit sensibler Flora und Fauna, wie in der Antarktis oder auf dem Amazonas; Foto: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten]

Fahrten über den Atlantik werden kaum noch im Linienbetrieb, sondern zumeist nur als Überführungen von einem Zielgebiet ins andere angeboten. Ansonsten bleibt ein Großteil der „schwimmenden Städte“ in Küstennähe oder liegt fest vertäut in den Häfen. Doch wenn die Passagiere von Bord gehen und Landausflüge bestreiten, ruht der Betrieb an Bord nicht. Auf Klimaanlagen möchte und kann niemand auf den Schiffen verzichten. Diese und andere Systeme müssen laufen und verbrauchen elektrischen Strom, der auch in den meisten Häfen durch die Generatoren – also durch die Verbrennung fossiler Energieträger – erzeugt wird. Die dadurch entstehenden Abgase sind ein ernstzunehmendes Problem. Laut (NABU) wird auf hoher See fast ausschließlich Rückstandsöl verwendet, das auch als Schweröl oder „Bunkeroil“ bezeichnet wird.

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[Die “AIDAsol” bei der Emsüberführung aus der Meyer Werft; Foto: AIDA Cruises]

Dies ist ein Restprodukt der Raffinerien, das hohe Anteile an Schwefel, Asche, Schwermetallen und anderen giftigen Abfallprodukten und Sedimenten enthält. An Land müsste es kostenpflichtig als Sondermüll entsorgt oder weiterverarbeitet werden, dürfte aufgrund seiner hohen Verunreinigung und giftigen Verbrennungsrückstände keinesfalls als Treibstoff für Fahrzeuge verwendet werden. Vor allem die Schwefeloxid- und Stickoxidemissionen sowie Rußemissionen sehen die Umweltschützer als Gefahr an: Derzeit kann der Schwefelgehalt im Treibstoff zwischen maximal 3,5 Prozent (Schweröl) und ca. 0,1 Prozent (sog. Marine Diesel Oil) variieren. Zum Vergleich: Im herkömmlichen Dieselkraftstoff für PKW und LKW beträgt der höchstzulässige Schwefelanteil in der EU seit Januar 2009 nur noch 0,001 Prozent. Der Schwefelgehalt in Schiffstreibstoffen übersteigt damit den von Landtreibstoffen um das bis zu 3500-Fache, durchschnittlich um das 2700-Fache.

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[Kampagnenmotiv des NABU; Foto: NABU]

Der NABU ist der Meinung, dass Schiffe aufgrund ihres Treibstoffs und der mangelhaften Regulierung zu den dreckigsten Emissionsquellen überhaupt gehören, in Europa sei die Schifffahrt sogar einer der Hauptverursacher von Luftverschmutzung. Wissenschaftler des dänischen Center for Energy, Environment and Health (CEEH) hätten herausgefunden, dass Schiffsemissionen allein in Europa für bis zu 50.000 vorzeitige Todesfälle jährlich verantwortlich sind. Allerdings muss der NABU einräumen, dass umfangreiche, konkrete Emissions-Daten bezogen auf die Kreuzfahrtschifffahrt bisher nicht verfügbar sind. Die Luftverschmutzung könnte durch technische Lösungen bereits um mindestens 80 – 90 Prozent gesenkt werden. Zudem wäre das bei Weitem billiger, als eine vergleichbare Menge Luftschadstoffe an Land einzusparen. Weltweit einheitliche, verbindliche und strengere Vorgaben der Gesetzgeber würden den Druck auf die Branche zudem erhöhen.

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[Wo es möglich ist, legen Kreuzfahrtschiffe zumeist in stadtnahen Häfen an – hier die “AIDAcara” in Kiel; Foto: AIDA Cruises]

Laut Nabu zeigen Studien, dass der Partikelausstoß in Verbindung mit der Qualität des Treibstoffs und damit auch mit dem jeweiligen Schwefelgehalt steht. Rußemissionen, die in arktischen Regionen emittiert bzw. dorthin geweht werden, besitzen eine besonders klimaschädliche Wirkung. Vor diesem Hintergrund seien Kreuzfahrten ohne Rußminderungssysteme an Bord in den (ant)arktischen Regionen ein besonders hohes ökologisches Risiko. Doch nicht nur in der weiten Ferne, sondern auch vor unserer eigenen Haustür bekommt das Thema eine immer wichtigere Bedeutung. Das weiß jeder, der schon jetzt in einer der großen Metropolen und Ballungszentren wohnt, wo für den Straßenverkehr Umweltzonen eingerichtet wurden. Kann es ein Zufall sein, dass es gerade in den Städten mit (Kreuzfahrt-)Häfen keine Umweltzone gibt? Eine grüne Plakette würde wohl keins der entsprechenden Schiffe bekommen und sich beispielsweise die Häfen in Hamburg oder Kiel mitten in der Innenstadt zu Sperrgebieten verwandeln.

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[Die von AIDA Cruises mitentwickelte LNG Hybrid Barge zur Stromversorgung von Kreuzfahrtschiffen im Hamburger Hafen; Foto: AIDA Cruises]

Dabei gäbe es Möglichkeiten zur Abhilfe: Durch Landstrom werden schon heute kleinere Schiffe mit Energie versorgt. Für große Kreuzfahrer ist allerdings der Energiebedarf deutlich höher, und technisch einheitliche Standards fehlen bislang international. Um möglichst bald die Schiffsmotoren in den Häfen abstellen oder zumindest drosseln zu können, überlegen einige Reedereien wie AIDA oder TUI nun, zur Überbrückung eigens entwickelte Versorgungsschiffe mit umweltfreundlicherem Flüssiggas (LNG) als Energiespender für die „großen Pötte“ einzusetzen. LNG Hybrid Barge heißt das Projekt bei AIDA, TUI Cruises nennt es e-power barge. Es soll bereits nächstes Jahr einsatzbereit sein und die Zeit bis zur Schaffung der passenden Infrastruktur für Landstrom überbrücken.

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[„Weiße Flotte“ – nur bedingt, denn was die meisten Fotos nicht zeigen: die teils ungefilterten Abgase der Schiffe; Foto: AIDA Cruises]

Bleibt dennoch das grundsätzliche Problem der Emissionen. Der NABU fordert die Kreuzfahrtindustrie auf, ihre Schiffe freiwillig mit Abgasnachbehandlungen und hochwertigeren Treibstoffen auszustatten. Speziell zu AIDA Cruises, deren bei deutschsprachigen Gästen sehr beliebte Club-Kreuzfahrtschiffe ebenso wie die Schwestermarken Costa und Cunard zum weltweit größten Kreuzfahrtkonzern Carnival Cruises gehören, hat sich der NABU schon mehrfach geäußert. „Aus unserer Sicht spielt das Unternehmen sich als Umweltvorreiter auf, die Schiffe sind jedoch mit keinerlei Abgastechnik ausgestattet. AIDA Cruises weiß, dass der Rußfilter auf ihren Schiffen problemlos eingesetzt werden könnte, aber wie wir jetzt gehört haben, will das Unternehmen an der Verwendung von Schweröl festhalten, anders als es der Ex-CEO, Herr Thamm, in einem Video zugesagt, das noch auf youtube zu finden ist“, so Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim NABU gegenüber griin.

Im zweiten Teil unseres Berichts widmen wir uns den Gegenargumenten der Kreuzfahrtbranche, die den NABU und dessen Vorwürfe kritisiert. Außerdem haben wir ein Gespräch mit Monika Griefahn, Direktorin für Umwelt und Gesellschaft bei AIDA Cruises, vereinbart und gehen selbst an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, um uns ein Bild von den technischen Einrichtungen dort zu machen.


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